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Reservesieg auf der Bundesrasseschau am 11. September 2011 in Ried

Auf eine Schau zu fahren bedeutet immer für alle Beteiligten, alle Kräfte zu mobilisieren. Der Lohn dafür ist, seine Tiere öffentlich herzeigen zu können, zu erleben, wie sie in der Lage sind, sich einer für sie fremden Umgebung anzupassen, gleichgesinnte Freunde zu treffen und auch, mit einer guten Wertung und unbeschadet wieder nach Hause zu fahren.

Die Bundesrasseschau in Ried ist natürlich eine besondere Herausforderung, verbunden mit dem Anspruch, sich besonders gut zu präsentieren. Die Umgebung machte es nicht leicht. Ein großer Besucherstrom, Lärm, ungewohnte Aufstallungen und ein besonders heißer und schwüler Tag - all das forderte die Tiere und die Auftreiber.

Meine Yolanda, eine hübsche große Kalbin, die den Schaubetrieb schon kennt und sich normalerweise mit Leichtigkeit führen lässt, hatte diesmal kein Verständnis, warum sie bei diesen Bedingungen im Ring ihre Runden ziehen sollte. Sie ging mit mir in ein Kräftemessen, was der Präsentation natürlich nicht gut tat. Der wohlwollende Kommentar des schottischen Richters Angus Mackay war: "Gratulation, Sie haben im Ring nicht kapituliert sondern durchgehalten!"

Danach ging es mit Anja und ihrem kleinen Phönix in den Ring. Anja war zwar auch nicht begeistert, in der prallen Mittagshitze sich unter einem Plastikdach zu präsentieren, doch sie ließ sich davon überzeugen, das es einfach sein muss. Ihr kleiner 10 Wochen alter Phönix schien sich dagegen überhaupt nicht zu stressen. Er war sowieso der Fotoliebling vieler Besucher und ließ sich von all dem Neuen um ihn  herum nicht aus der Fassung bringen.

Anja vom Schneiderlehen wurde vom Richter als eine sehr typvolle Kuh beschrieben, und sie errang Platz 2 in der Klasse Kuh mit Kalb - ein sehr schöner Erfolg.

Ein großes Dankschön gilt meinen Helfern, die mich wieder sehr tatkräftig unterstützt hatten. Meine Freundin Resi Buchmaier führte den kleinen Phönix vor, meine Schwester Renate und meine Freunde Margit, Erwin und Karl Buchmaier legten Hand an, wo immer es not tat.

Helga Krückl


Besuch bei Paris vom Schneiderlehen - August 2011

Es ist ein freudiger Tag, als Resi Buchmaier und ich Paris von Schneiderlehen in seiner neuen Heimat in St. Anton am Arlberg besuchen dürfen.

Der Besitzer der Arlenherde Hermann Strolz hatte sich im Frühjahr 2010 Paris als neuen Zuchtstier ausgewählt. Wir freuten uns sehr darüber. Für Paris bedeutete das, von einer Seehöhe von 550 m im Unteren Mühlviertel auf eine Seehöhe von 1500 m bis 2500 m in St. Anton umzusiedeln. Es war klar, dass er den Sommer auf der Hochalm mit seinen Kuhfrauen verbringen konnte - ein privilegiertes Leben in Freiheit, ohne Weidezaun, aber auch eines, wo er seine Kräfte beweisen musste.

Jetzt, ein Jahr später, konnte ich mich davon überzeugen, wie geschickt er sich in seiner neuen Heimat zurechtgefunden hat. Eine bunte Schar von schwarzen, grauen und braunen Kälbern zeugt von seiner Fähigkeit, mehrfärbig zu vererben. Sein ganzes Verhalten zeigt, wie gut er sich am Arlberg beheimatet hat.

Ein großes Dankeschön gilt Hermann Strolz, der mit so viel Erfahrung und Sorgsamkeit auf seine Herde schaut - der Resi und mich in die Berge zu Paris begleitet hat und der uns von der Trittsicherheit seiner Highlander ein lebendiges Beispiel geliefert hat.

Helga Krückl

Petros vom Schneiderlehen - ein Fernsehauftritt

17.05.2011: Petros vom Schneiderlehen, der neue Zuchtstier von Johannes Schabbauer am Annahof, kam am 12.05.2011 zu Fernsehehren.

In der ORF- Serie "eco", ausgestrahlt am 12.05.2011 is er zu bewundern, hier die Onlineversion!


The day after… Assoziationen nach einer erfolgreichen Schau

Ich sitze mit Picasso auf seiner Wiese. Er grast zufrieden mitten unter seinen Kuhfrauen und Kindern, und ich spüre eine große Dankbarkeit in mir.
PicassoSie gehört zum einen Picasso und sie taucht auf, wenn ich die Bilder des vergangenen Wochenendes an mir vorbeiziehen lasse: die Abfahrt zur Fleischrinderausstellung auf der Rieder Herbstmesse, wo wir um 5 Uhr in der Früh unseren viereinhalb Jahre alten Bullen in den Hänger verladen. Es ist noch finster, als ich um halbfünf auf die Weide gehe. Er liegt mitten in der Herde. Ich spreche ihn an und meine, dass es nun so weit sei, auf die Reise zu gehen. Ohne Gezeter lässt er sich das Halfter umlegen. Als dann Resi und Karl Buchmaier um 5 kommen, führen wir ihn auf den Hänger, wo er noch ganz verschlafen sich anbinden läßt.
Ich weiß, dass für Picasso das Fahren nichts Fremdes ist. So verläuft die Zeit bis zur Ankunft in Ried ohne Anspannung. Kurz vor Ried beginne ich meine Unsicherheit zu spüren. Wie wird das sein, so mitten unter fremden Bullen und im Wirbel des Messegeländes den Stier zu führen.

Picasso nimmt das ganz gelassen auf. Beim Eingang zum Stall gönnt er sich eine kurze Pause, lässt sich dann aber bereitwillig zu seinem Stand führen und anhängen. Jetzt gönne ich mir einen Blick in die Runde. Wir haben einen sehr schönen Standplatz in der Nähe des Eingangs, links und rechts von ihm stehen die anderen Highlanderbullen, die er konkurrierend "anknurrt". Doch die Rast ist nur kurz. Auf geht es zur Wiegekontrolle. Wir sind schon gespannt, welches Gewicht Picasso auf die Waage bringen wird. 940 kg - nicht schlecht .

Zurück am Stand beginnt nun die Schönheitspflege. Unter fachkundiger AnleitungBox von Resi wird Picasso nun für seinen Auftritt vorbereitet - gewaschen, gestriegelt. Er genießt es sichtlich, so im Zentrum der Aufmerksamkeit und Zuwendung zu stehen. Es kommen auch bereits die ersten Besucher, die interessiert unserem Treiben zuschauen.


Respektvoll schauen sie auf die mächtigen Hörner der Highlander und warten gespannt, wie es denn sein wird, mit ihnen hinaus in den Ring gehen. Ich spüre, wie mein Puls sich beschleunigt, als der Aufruf für die Highlander kommt. Ich schaue auf die anderen, auch sie sind sehr ernst und konzentriert. Werden unsere Tiere ruhig durch die große Menge der Zuschauer durchgehen, die eher sorglos sich ihnen in den Weg stellen. Es geht alles gut. Mit geradezu stoischer Ruhe macht Picasso seinen Weg hinaus in den Ring. Ich nehme nur mehr das Geschehen im Ring wahr, die Zuschauer sind vergessen. Besonderes Augenmerk habe ich die ganze Zeit darauf, auf die kritische Distanz zwischen den einzelnen Bullen zu achten - nicht zu nahe zu Vorführungkommen, aber auch nicht zu isoliert zu stehen und zu gehen. Zum Glück ist der Ring sehr groß und das ist kein Problem. Die Hochlandrinder sind die ersten des Tages für das Schaurichten, und so findet auch die Begrüßung der Zuschauer statt, während wir unsere Runden ziehen. Für die Zuschauer ein beeindruckendes Bild, für mich aber eine Zeit intensiver Anspannung, die sich natürlich steigert, als das Preisrichten seine Anfang nimmt. Wen wird der Richter an die erste Stelle setzen.


Natürlich wünscht sich jeder von uns, als Erster vom Platz zu gehen. Der Richter entscheidet sich für Picassos Namensvetter mit "k" . Nach einem kurzen Moment von "schade" in mir steigt die Spannung sofort wieder an. Ich sehe auf den Richter, er geht auf Picasso zu und in mir entsteht die Gewissheit, er wird nun unseren Picasso zum Reservesieger wählen. Mit sehr wertschätzenden Worten beschreibt er unseren Bullen und stellt ihn auf den zweiten Platz. Die Freude in mir ist groß. Picasso steht die ganze Zeit ganz gelassen neben mir, geführt am Halfter, und nimmt seine Siegerplakette mit "coolem Selbstverständnis" an.
Zurück im Stall, werden wir von unseren Freunden freudig erwartet, alle sind stolz auf Picasso.
Das was sich hier bei der Schau mit einer scheinbaren Selbstverständlichkeit zeigt, hat aber eine lange Vorgeschichte. Sie hat lange vor der Schau begonnen. Es ist eine Geschichte von vielen Stunden Beziehungsarbeit, die nicht erst begonnen hat, als Picasso auf unseren Hof kam. Bei Resi und Karl Buchmaier hat er gelernt, dass es Spaß macht, "an der Leine spazieren zu gehen". Nicht selten konnte man Karl mit dem kleinen Picasso ausmarschieren sehen, wenn die Enkelkinder vom Kindergartenbus abgeholt wurden. Und er hat auch bereits Schauerfahrung und einen Siegerpokal mitgebracht, als er zu uns kam.
Auf so einem Fundament an vertrauensvoller Mensch-Tier-Beziehung ist leicht aufbauen.
Seine Gutmütigkeit und Verlässlichkeit beeindrucken mich immer wieder, wobei ich nicht außer acht lasse, dass er ein mächtiger "testosterongesteuerter" Bulle ist, dessen Kraft mir bewusst ist. Das was mich auf der Schau so beeindruckt hat, war sein Vertrauen in mich, mir dorthin zu folgen, wohin ich mit ihm gehe. Und das trotz Lärm und vieler Menschen.


Für mich war es eine große Beruhigung Karl „in meinem und Picassos Rücken“ zu wissen. Sollte etwas Unvorhergesehenes passieren, so wusste ich, dass ihm als Schauerfahrenen schon das Richtige einfallen würde.
Nach der Schau erfolgte noch in Ried die Nachkörung - und hier hat Picasso die Einstufung 1b erhalten, eine für uns schon sehr besondere Bewertung.
SiegerehrungEs ist schön, mit so viel Wertvollem von einer Schau heimzufahren.
Sich zu zeigen, sich der Konkurrenz zu stellen, ist immer mit hohen Emotionen verbunden. Die Gefahr des Sich-Abgewertet-Fühlens ist sehr nahe. Da kann es leicht passieren, dass viel Wertvolles, das neben dem „Bewertet-werden“ sich auftut, in den Schatten gerückt wird, nämlich die Beziehungsgeschenke, die von Tier und Mensch kommen. Da ist das Vertrauen und die Verlässlichkeit des Stieres. Da sind die Angehörigen und Freunde, die mitfahren, die mitzittern und sich mitfreuen. Das sind alles keine Selbstverständlichkeiten.
Wenn ich so nun mit Picasso auf der Wiese sitze und über das Erlebte nachdenke, dann sind es eben gerade diese Beziehungsgeschenke, die in mir ein warmes Gefühl der Dankbarkeit auslösen.

Helga Krückl


Schauerfolge 2009

5. Kärntner Fleischrindermesse in St. Donat am 14.3.2009 Jungtierchampionat.
Anja vom Schneiderlehen gewinnt in der Altersklasse der Kalbinnen von 16 bis 20 Monaten.

OÖ Fleischrinderausstellung im Rahmen der Rieder Herbstmesse 2009 am 12. September.
Picasso vom Knausserwald wird Reservesieger.


Haben Kühe Gefühle?

Mein Mann und ich züchten seit 7 Jahren Hochlandrinder.
Unsere Liebe zu Tieren und zur Natur war es, die uns den Schritt machen ließ, als nicht in der Landwirtschaft Aufgewachsene einen Bauernhof zu kaufen mit dem Traum, ihn auch zu bewirtschaften.
Dass hier auf der Erfahrungs- und Wissensebene viel Nachholbedarf bestand, war uns von Anfang an klar.
Dieses Wissen holten wir uns zum einen von Menschen, die uns an ihrer Erfahrung teilnehmen ließen.
Zum anderen waren es unsere Kühe, die wir beobachteten und die uns zeigten, wie es gescheit ist, mit ihnen umzugehen.
Aus der Notwendigkeit Alltagshandlungen vorzunehmen wie Umsperren, eine Blutuntersuchung, einen Tierarztbesuch zu händeln, begann ich, das Alltagsverhalten der Kühe zu beobachten und das Beobachtete für einen reibungslosen Ablauf zu benützen. Welche Kuh geht als erste, welche Tiere gehen hintereinander, wie kann ich die Herde nützen, um ein bestimmtes Tier an einen bestimmten Platz zu bekommen, wie kann ich Tiere, die "in Freundschaft" zueinander stehen, einsetzen, wenn eines davon behandelt werden sollte. Die Kühe zeigten mir, wie es geht, ich brauchte nur genau hinschauen und ihre Signale respektieren.
Ich interpretierte also, dass Kühe Situationen differenziert wahrnehmen und zueinander in individuellen Beziehungen stehen. Aber welchen Wert hatten meine Interpretationen? War es eine Überinterpretation mit einer Art falscher Vermenschlichung ?
Und so begann ich zu suchen, ob ich Antworten aus der Forschung finden würde.
In einem Buch, das sich mit der Natur und Theorie der Gefühle beschäftigte, wurde ich als erstes fündig. Die Wissenschafter gehen hier davon aus, dass bestimmte Emotionen für alle Tiere einen Überlebensvorteil bilden. In erster Linie sind hier Angst und Furcht zu nennen, die am leichtesten zu erkennen und zu messen sind. Sie helfen den Tieren, potentiell gefährliche Situationen richtig einzuschätzen und angemessen zu reagieren. So ist z.B. die Furcht vor dem Anblick eines Fressfeindes vielen Tieren angeboren. Was die Forscher weiter beschäftigte, waren die Fragen, ob Tiere neben Angst auch andere Basisemotionen wie Ärger Freude, Trauer oder Ekel zeigen, und ob bei Tieren eine Gehirnstruktur vorhanden ist wie bei Menschen, das sogenannte limbische System, das bei den Menschen entscheidend für die Regelung von Emotionen verantwortlich ist.
Es ist gängige Praxis, dass zum Beispiel an Mäusen und Ratten Versuche durchgeführt werden um herauszufinden, wie Neurotransmitter wie z.B. Dopamin, Noradrenalin oder Serotonin eine unterschiedliche Wirkung auf die Stimmungslage haben. Die Übertragung der Befunde auf den Menschen ist in der Wissenschaft allgemein akzeptiert. Es kann also als sicher gelten, dass insbesondere Säugetiere Emotionen besitzen, denn sie besitzen die für emotionales Verhalten benötigten Hirnstrukturen. Man weiß auch, dass Neuromodulatoren wie z.B. Dopamin bei Säugetieren ähnliche Wirkung auf die Stimmung haben wie bei Menschen.

Einen zweiten wichtigen Beleg fand ich in der Stressforschung.
Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin haben Auswirkungen auf das Immunsystem. Beim Menschen ist das ganz offensichtlich. So weiß man, dass, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, ungewollte Einsamkeit krank macht. Einsamkeit ist einer der stärksten Einflussfaktoren, die im Alter den Blutdruck und das Herzinfarktrisiko ansteigen lassen. Denn Einsamkeit begünstigt einen höheren Spiegel an Stresshormonen. Durch die bereits oben angeführte Ähnlichkeit der Säugetiere kann auch hier die Annahme getroffen werden, dass Tiergesundheit und Stressausmaß im Zusammenhang stehen.
Bei den diesjährigen Schlägler Biogesprächen wurde ausdrücklich von Veterinärmedizinern auf diesen Zusammenhang verwiesen, dass Stress Tiere krank macht.
Also ist es im Zusammenhang mit Tiergesundheit wert zu fragen, was Kühe stresst.

Und dann gibt es noch ein anderes Kriterium, das den Menschen besonders als Beziehungswesen auszeichnet und das auch höhere Tierarten besitzen, nämlich das sogenannte System der Spiegelneuronen. Nicht nur der Mensch sondern auch die höher entwickelten Tiere besitzen mit diesen Zellen ein neurobiologisches System, das eine intuitive wechselseitige Einstimmung ermöglicht. Das System dieser besonderen Zellen sorgt dafür, dass ein Individuum das, was es bei einem anderen Individuum der gleichen Art wahrnimmt, im eigenen Organismus - im Sinne einer stillen inneren Simulation – nacherlebt. Das ist z.B. der Grund, warum wir Menschen Schmerz empfinden, wenn wir zusehen müssen, wie eine andere Person heftig verletzt wird. Ich überlasse es nun der Phantasie des Lesers, sich darüber Gedanken zu machen, wie das Vorhandensein der Spiegelneuronen sich bei den Tieren auswirkt.

Die Bedeutung der Lebenserfahrung für die Entwicklung der Aggression ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Wie kommt es zu Aggression? Ein Referent stellte bei den Schläger Biogesprächen die These auf, dass nur der zahme Tiere hat, der sich selbst gezähmt hat. Steht Aggression also in Verbindung mit der erlebten Aussensituation? Bei Menschen lässt z.B. Misstrauen den Blutspiegel eines wichtigen Aggressionshormons ansteigen. In der Annahme ähnlicher Strukturen innerhalb der großen Säugetierfamilie könnte auch auf Kühe bezogen gesagt werden: Vertrautes, Wohltuendes und Sicheres schafft Vertrauen, Misstrauen und Ablehnung begünstigen Aggression. Eine ursprüngliche Funktion der Aggression liegt in der Bewahrung der Unversehrtheit des Organismus und in der Abwehr von Schmerz.
Prof. Susanne Waiblinger (Referat auf der 14. Freilandtagung) hat sich in einer Untersuchung mit der Einstellung von Bauern zu ihren Tieren auseinandergesetzt und sie mit der messbaren Fluchtdistanz in Beziehung gesetzt. Dabei ergab sich folgendes überzeugendes Ergebnis: Je besser die Mensch-Tier-Beziehung, umso weniger Furcht und umso mehr Vertrauen haben die Tiere in den Menschen. Diesen Kühen konnte man sich leicht nähern. Anders war es jedoch bei Besitzern, die meinten, die Kühe müssten für eine leichte Handhabbarkeit den Menschen fürchten.


Fördert Angst, Uneinschätzbarkeit einer Situation und Schmerz die Aggression des Tieres, so ist Liebe dagegen wie ein Beruhigungsmittel. Beim Menschen weiß man, dass menschliche Zuwendung gleichsam als Medikament eingesetzt werden kann. Dopamin, Oxytozin und endogene Opioide werden dabei ausgeschüttet und sie sind Schmerz –, Beruhigungs- und Wohlfühlmittel, die der Körper selber produziert. Bei Selbstreizungsversuchen von Ratten – bei Drücken eines Hebels wurde über einen fest mit dem Schädel verbundenen Draht und eine implantierte Hirnelektrode ein schwacher Stromstoß erzeugt – wurde ein Gehirnareal entdeckt, das für das Entstehen von Glücksgefühlen bei Ratten verantwortlich war. Sie drückten den Hebel bis zur völligen Erschöpfung. So kam man diesem System auf die Spur. Auch diese Befunde wurden auf den Menschen übertragen.
Beziehung ist eine hochwirksame Medizin. Das gilt nicht nur für Menschen sondern auch für andere Mitglieder der Säugetierfamilie. Das ist erfahrungswissenschaftlich belegt. Fachwissen ist eben der eine Teil des Heilsamen, der andere ist die Beziehung.

Mich haben diese Befunde sehr beeindruckt. Es ist also keine illusionäre Vermenschlichung, was ich an unseren Kühen entdeckte.
Der Begriff des Zähmens bekommt so für mich eine neue Bedeutung.
Zähmen bedeutet in dem Kontext, mir die Kühe vertraut zu machen. Und damit übernehme ich Verantwortung. Ganz liebevoll wird das in der Geschichte vom Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry gesagt. Hier begegnet der Kleine Prinz dem Fuchs, der ihm erklärt, dass er noch nicht mit ihm spielen könne, weil er noch nicht gezähmt sei. Denn das Zähmen sei eine in Vergessenheit geratene Sache und bedeute, sich „vertraut machen“, denn man kenne nur die Dinge, die man zähmt. Er sagt: „Wenn du einen Freund willst, dann zähme mich.“ Und „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“
Ich übertrage das auf unsere Haustiere.
Wildtiere leben in einer Umwelt, in der sie gelernt haben, die Gefahren einzuschätzen, zu flüchten, zu kämpfen, sich totzustellen. Als der Mensch sie zu Haustieren machte, gab er ihnen eine Umwelt, in der er für Schutz und ausreichend Nahrung für die Tiere sorgte, sich mit ihnen vertraut machte. Im Gegenzug erhielt er von den Tieren die Basis für bestimmte Nahrung und Kleidung. Damit dieser „Tauschhandel“ reibungslos vonstatten gehen konnte, war es notwendig miteinander eine Beziehung aufzunehmen, die auf einer Vertrauensbasis stand. Aggression ist in diesem respektvollen wechselseitigen Geben und Nehmen nicht notwendig. Aggressive Tiere sind für mich ein Signal, dass die Tiere sich bedroht erleben.
Manchmal entsteht Aggression auch bei einem gegenseitigen Missverstehen. Der Mensch erlebt sich vom Tier bedroht, obwohl dieses eine seinem Wesen nach ganz natürliche Distanzregulierung vornimmt, der Mensch es aber missinterpretiert, aggressiv reagiert und damit einen Aggressions- und Bedrohungskreislauf in Bewegung setzt.
Oft wird zähmen als ein Unterwerfungsakt missverstanden. Das Recht des Stärkeren muß dann durchgesetzt werden. Unterwerfen kann ich nur mit Angstmache und Gewalt. Da hat „Freund werden“ keinen Platz mehr. Aus neueren Forschungsergebnissen weiß man, dass Angst und Schmerz als Erfahrung im Zusammenhang mit einer ganz bestimmten Aussensituation abgespeichert werden. Die Tiere setzen den erlittenen Schmerz, den Platz, wo sie ihn erlitten haben, und auch den Menschen, der dabei war, in einen Zusammenhang. (So fragen sich mittlerweile auch viele, ob nicht das Enthornen von Kälbern und die dabei zugefügten Schmerzen eine erste heftig traumatisierende Erfahrung des Kalbes mit der Spezies Mensch ist, die sich tief einprägt.) Jeder, der zahme Kälber hat, weiß, dass Gewalt und Schmerz beim Zähmen nichts zu suchen haben, denn dann flüchten die Tiere. Das Kalb kommt aber, wenn die Aussicht auf etwas Wohltuendes im Raum steht. Die ihm eigene Neugier (wie auch bei Menschenkindern) lässt es die Umgebung erkunden Und natürlich muss es zuerst die Erfahrung machen dürfen, dass streicheln, striegeln und Leckeres nichts Bedrohliches ist. Und dafür braucht es viel Zeit und Geduld. Der Mensch muss sich hier an das Tempo der Tiere anpassen und nicht umgekehrt.
Und wenn wir das schaffen, dann machen wir uns aber selber damit auch ein großes und wichtiges Geschenk. Lasse ich mich auf die Bedächtigkeit der Kühe ein, dann spüre ich bei mir selber, wie ein langsames Aussteigen aus der Hektik plötzlich da ist. Sich auf das Tempo der Kühe einzulassen hat eine meditative Qualität. Und ich behaupte, dass die Kühe es spüren, wenn ich mich auf ihr Tempo einlasse. Dann ist es plötzlich auch einfach, notwendige Schutz- und Gesundheitsmaßnahmen zu machen, die bei Hektik nur ein Ausweichen der Tiere zur Folge haben. Ich erinnere mich dabei an einen Satz eines erfahrenen Züchters, der einmal meinte, wenn ich wissen möchte, wie es mir geht, dann solle ich meine Tiere beobachten, die würden meine Befindlichkeit widerspiegeln.
Und es ist eine Freude, zur Herde zu gehen, das Vertrauen der Kühe wahrzunehmen und zu erleben, wie sie die Zuwendung genießen.


Verfasserin: Helga Krückl